The Body as a Gateway to Freedom

Ashtanga mit Richard Freeman. Der Körper als Tor zur Freiheit: ein Portrait des bekannten Ashtanga Yogis Richard Freeman. (Erschienen in Yoga Aktuell Februar/ März 2010)

Richard Freeman ist einer von wenigen Lehrern, die von Pattabhi Jois (1915-2009) authorisiert wurden, Ashtanga Yoga in seiner Tradition zu lehren. Er gilt als Geheimtipp, weil es ihm wie keinem anderen gelingt, seine Schüler an  jene Tore im Körper zu führen, an denen sie ihre Energie selbst erfahren können.

Gemeinsam mit seiner Frau Mary gründete er im Jahre 1987 in Boulder, Colorado, ein Yogastudio. „The Yoga Workshop“ zählt heute zu den ältesten und etabliertesten Ashtanga Studios in den USA. Jährlich zieht es dutzende Schüler aus der ganzen Welt hierher, um für vier Wochen ein Lehrertraining zu absolvieren, das weltweit einzigartig ist. Der Schwerpunkt der umfassenden Ausbildung liegt auf dem Studium der alten Schriften und des menschlichen Körpers, selbst das Studium an der Leiche ist eingeschlossen, wie es sonst nur in der westlichen Ausbildung zum Mediziner üblich ist. Trotz stetig wachsender Teilnehmeranfragen hält er die Studiengruppe auf eine überschaubare Größe begrenzt. Wer bei einem Lehrertrainig oder an einem der weltweit stattfindenden Workshops von Richard Freeman teilnehmen möchte, braucht vor allem Geduld. Denn oft gibt es nur noch einen Platz auf der Warteliste, da Freeman’s Lehrangebote meist schon nach kürzester Zeit ausgebucht sind.

Auch sonst fällt Richard Freeman eher für sein scheinbar „geschäftsverweigerndes“ Verhalten auf. Er ist nie Mitglied in der Yoga Alliance geworden, einer Institution, die mittlerweile weltweit dazu dient, Lehrer nach einheitlichen Standards in 273 verschiedenen Yoga Richtungen zu zertifizieren.

Der lange Weg zu Pattabhi Jois

Als Freeman seinen Lehrer K. Patthabhi Jois traf, lagen bereits 19 Jahre Yogapraxis hinter ihm.

Sein Yogaweg begann in Chicago im dortigen Zen Center. Später studierte er Iyengar Yoga, Sivananda Yoga, Bhakti Yoga, Tantra und buddhistische Techniken. Er hatte in verschiedenen Kulturkreisen gelebt, neun Jahre davon in Asien. Der traditionellen Ausbildung eines Yogis folgend, reiste er in dieser Zeit durch verschiedenen Ashrams in Indien. Mitte der 70er Jahre unterrichtete Richard Freeman im Iran vier Jahre lang die Königliche Familie in Yoga und spirituellen Techniken. Als Muslime hatten sie andere Begriffe, um das Göttliche zu beschreiben, als sie die Yogatradition verwendet. Um nicht den Anschein zu erwecken, er würde versuchen, die Mitglieder der Königsfamilie zu einem anderen Glauben zu bekehren, musste Freeman Yoga frei von hinduistischen und buddhistischen Begriffen lehren. Seine vielfältigen Erfahrungen schenkten ihm ein starkes philosophisches Fundament und ein tiefes Wissen vom Hatha Yoga, Sufismus und Buddhismus.

Ashtanga Yoga entdeckte Freeman erst im Jahre 1987 für sich. Noch im selben Jahr besuchte er in Montana einen Workshop von Pattabhi Jois. Bereits nach weniger als einem Jahr gab Jois ihm die Erlaubnis, als zweiter Westler überhaupt Ashtanga zu unterrichten.

Als Freeman seinem Lehrer begegnete, beherrschte er bereits die meisten Yogahaltungen. Es war jedoch die Art und Weise wie Jois den Körper in den Asanas intern zu verlinken vermochte,die den Unterschied machte. Erst dieser Schritt ließ Freeman die Mittellinie seines Körpers und die Nadis, die Energiekanäle, fühlen.

Nun zahlte sich auch das Sanskrit Studium aus seinen frühen Jahren aus. Jois’ Englisch war nicht besonders gut. Als Lehrer der alten indischen Yoga-Tradition gab er sein Wissen ausschließlich mündlich an seine Schüler weiter. Freeman konnte er in Sanskrit unterweisen – in jener Sprache, in der ihn schon sein eigener Lehrer, Sri T. Krishnamacharya (1888-1989), im Yoga unterwiesen hatte.

Die Essenz offenbaren

Das Leben in verschiedenen Kulturen, lehrte Freeman, was wirklich für einen westlich geprägten Schüler wichtig ist. Die Lehren des Yoga müssen so vermittelt werden, dass sie aus den jeweils individuellen kulturellen Denkmustern heraus erfahren und verstanden werden können. Zu Freemans besonderen Leistungen zählt, dass er die Muster des westlichen und östlichen Denkens durchleuchtet hat und es versteht, Brücken zwischen beiden aufzuzeigen. Dem westlichen Denken fremde Inhalte veranschaulicht Freeman mit kleinen, humorvollen Geschichten, so dass sich die Essenz wie von selbst offenbart. „Ich musste ehrlich zu mir selbst sein: Was weiß ich wirklich, was sind Theorien und Metaphern und was ist wesentliche spirituelle Lehre und Praxis?“ Wesentlich für ihn ist die Meditation: die Aufmerksamkeit des Geistes auf etwas Bestimmtes ausrichten zu können. Dieser kurze Moment der inneren Ruhe vereint und verbindet einen Hindu, einen Christen, einen Juden, einen Muslimen oder einen Buddhisten – diesen Moment fühlen alle gleichermaßen.

„Praktiziere und alles kommt zu dir“

Freeman wertschätzt alle authentischen Yogarichtungen. Immer wieder betont er die Bedeutung der Tradition im Yoga. Wie auch sein eigener Lehrer gibt er sein Wissen mündlich weiter. Das Mitschreiben bei Workshops hält er nicht nur für überflüssig, vielmehr ziehe es die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen weg: dem Wahrnehmen und Erfahren. Denn der eigene Körper und seine Energie können nur dann aufnehmen, wenn alle Kanäle der Wahrnehmung offen sind. Dabei erfahren wir oftmals weit mehr, als unser Verstand in diesem Augenblick zuordnen und verstehen kann. Meistens nämlich offenbart sich uns dieses Geschenk erst nach und nach beim täglichen und regelmäßigen Yoga-Üben. „Practice and everything is coming“ – dies ist der inzwischen populär gewordene Leitspruch von Pattabhi Jois. Einen ersten Einblick in die Arbeit von Freeman bietet seine leider nur in Englisch verfügbare  Yoga Matrix, eine Audio-CD-Sammlung, in der er sein tiefes Wissen mündlich weitergibt. Der hohe Stellenwert der klassischen Schriften wird darin ebenso deutlich wie beim Lehrertraining. Freeman sieht in diesen vier Studienwochen einen Ausgangspunkt, um die internen Prinzipien und Formen des Ashtanga Yoga zu erforschen. Dabei nimmt neben dem Studium der Anatomie des Körpers und seiner Energie das Studium der klassischen Schriften einen großen Raum ein. Grischa Steffin, Gründer und Inhaber des Studios „Ashtanga Yoga Berlin“, nahm im Jahre 2005 als einer der ersten Deutschen an jenem Lehrertraining teil. Der Tag war straff organisiert. Am Vormittag fand der Unterricht in der Gruppe statt und am Nachmittag las jeder die Texte für den nächsten Tag – die Bhagavad Gita, Patanjalis Yoga Sutren und einige Upanishaden. Steffin beschreibt die Zeit mit Freeman als ein Puzzle, das sich allmählich zu einem immer deutlicher werdenden Bild zusammenfügte, vor dem sich mühelos die Prinzipien der vielfältigen Yogatraditionen erklärten. Scheinbare Gegensätze verschmelzen zu einem Ganzen. Man begreift, dass Üben nicht beim Körper aufhört, sondern beginnt. Der Körper ist das erste Kshetra – ein Feld, das es uns ermöglicht, das Selbst zu erkennen. Freeman vermag auf einzigartige Weise, unserem westlichen Denken die symbolhafte Sprache der indischen Philosophen zu erschließen.

1% Theorie und 99% Üben

Beim Lesen der klassischen Yoga-Schriften kristallisiert sich besonders eins heraus: Der Mensch kann die Fähigkeit erlangen zu unterscheiden – was ist das Wahrnehmende und was ist das Wahrgenommene. Was ist die Realität und was ist Projektion. Was ist die Landschaft und was ist die Landkarte. Pattabhi Jois betont gerne, dass der Weg des Yoga nur zu 1% aus Theorie und zu 99% aus Üben besteht. Denn erst beim täglichen Üben nehmen wir unseren Körper und Geist wahr, erkennen unsere Grenzen und werden uns unserer Dimensionen und Energien bewusst. Freeman selbst bietet für jeden, der ihn erleben darf, die seltene Möglichkeit, wahrzunehmen, welches energetische Potential in einem menschlichen Körper steckt. Dabei sind weniger die fortgeschrittenen Asanas gemeint, die Freeman ganz in Tradition seines Lehrers nur sehr selten demonstriert. Es ist vielmehr die energetische Mitte des Körpers und die Energie, die in einem „intern verlinkten“ Körper fließt und immer wahrgenommen werden kann. Vielleicht ist dies das größte Geschenk an uns visuell ausgerichtete westliche Wesen. Wir können intuitiv wahrnehmen und begreifen, welches energetische Potential in jedem von uns, in jedem unserer Körper, meist ungenutzt vorhanden ist..

Die Freiheit der Seele im eigenen Körper erfahren

„Mula Bandha ist nicht, was du denkst! Du kannst  über Mula Bandha nichts wissen, du kannst es nur erfahren.“Haben wir den kartographierten Weg zurückgelegt und glauben, alles zu verstehen, genau dann ist diese Landkarte schon veraltet. Sie hat uns nur den Weg an den Ort gewiesen, an dem wir die Leere wahrnehmen dürfen. Die Leere löst uns von unseren vertrauten Denkmustern. Stattdessen lernen wir wieder unserer Wahrnehmung, unserer Intuition, unserem inneren Gefühl zu vertrauen. Das ist DER Moment der Leere  zwischen zwei Atemzügen. Genau diese gilt es zuzulassen und auszuhalten, die Leere zwischen den Gedanken. Nur in ihr erkennen wir das Selbst, unser inneres Wesen.

Nach seinen bisherigen ersten beiden Kurzbesuchen 2007 und 2008 ist Richard Freeman im März 2010 eine Woche in Berlin zu Gast. Von dort aus geht seine Reise weiter nach Wien für vier Tage in die „Yogawerkstatt“. Dies wird sein längster Lehraufenthalt im deutschsprachigen Raum sein.


Text Ines Meisel

Ines Meisel ist Schülerin von Richard Freeman und Krishnamacharias Sohn, Sri T.K.Shribashyam. Sie hat in den USA bei Doug Keller eine Ausbildung in Yogatherapie und bei John Friend eine Anusara Yoga Lehrer-Ausbildung und absolviert.

Sie unterrichtet in Heidelberg und gibt deutschlandweit Workshops.

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